Jedes Mal, wenn ich an Journalismus-Akademien „Wie schreiben bei Gewalttaten?“ unterrichtet und eindringlich empfohlen habe, so sachlich wie in einem Gerichtsakt zu formulieren, kam der Protest: „Aber uns ist doch immer gesagt worden, wir sollten Geschichten so schreiben, dass die Leserschaft emotional berührt wird!“

Eben nicht, kontere ich dann immer und erzähle ein Erlebnis aus den 1970er Jahren, als ich – noch schlichte Juristin – begonnen hatte, mich in der von mir gegründeten Familienberatungsstelle in Favoriten der Sorgen der Bevölkerung anzunehmen. (In diesem Zusammenhang Dank an Dr. Rosemarie Fischer, heute Santha – ohne ihre Informationen hätte ich wohl nie diesen ersten Schritt zu diesem Berufswechsel getätigt!)

Damals kam einmal ein Mann mit einem dicken Aktenordner, in dem er eine umfangreiche Dokumentation der Zeitungsberichte über sexuelle Misshandlungen von Kindern gesammelt hatte. „Die tun das nur, wenn sie unter Alkohol stehen – nicht?“ forderte er meine Zustimmung. Ich gab sie ihm nicht –  weil ich die Antwort nicht wusste. Aber ich wunderte mich, dass er deswegen in die Beratungsstelle gekommen war. Einige Jahre später, bereits psychosozial fortgebildet, wusste ich: Das wäre ein Ansatz gewesen, seiner eigenen Betroffenheit nachzuspüren … vor allem, ob er sich nicht an den „emotionalisierenden“ Berichten „begeilte“ […]

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