Üblicherweise wird Charakter als „verfestigtes Verhalten“ interpretiert – jedoch wird damit suggeriert, dass man Verhalten nicht ändern könnte. Man kann! Aber viele Bezugspersonen wollen das ja nicht – sie wollen eher, dass man einschätzbar ist und daher möglichst unveränderlich. Wer hat noch nie den Satz gehört „Bleib wie du bist!“? Eigentlich insgeheim ein Fluch gegen persönliches Wachstum. Dabei ist es doch eine Lebensaufgabe, die eigenen Begabungen bestmöglich zu entfalten – nicht nur zum eigenen Besten, sondern auch zu dem des Umfelds.

Aus psychoanalytischer Sicht durchlaufen wir alle körperliche wie mentale Lernphasen, in denen wir bestimmte Verhaltensweisen einüben (wenn man uns lässt): Die erste, so ab Geburt bis etwa die nächsten 18 Monate, wird die „orale“, zu Deutsch „Mund“-Phase genannt, weil die Überlebenskraft des Babys davon abhängt, sich – wie auch immer, etwa durch Gebrüll – Nahrung zu verschaffen, nicht nur materielle, sondern auch soziale, nämlich Zuwendung, und auch die Zeit zum Genießen. Wird die verunmöglicht (z. B. durch Zeitdruck), fällt später diese „Kompetenz“ aus (wie etwa bei vielen Kriegskindern, da die Flucht in den Luftschutzkeller immer vordringlich war), und man neigt dann dazu, sich wie auch anderen Genuss zu verbieten […]

hier weiterlesen >>>