Vor dreißig Jahren hätte ich vielleicht gedacht, dass es fortschrittlich und human wäre, Schwerkranken zu helfen, ihr – vermutlich unerträgliches – Leben so beenden zu lassen, wie sie es wollen: Ein Glaserl, ein Gifterl, ein Schlaferl (absichtlich verkleinert um der Verantwortung die Last zu nehmen) und alles ist vorbei.

Dann hatte ich ab den 1990er Jahren viele Kontakte mit hohen Tetraplegikern, mit Vollbild-Aids-Erkrankten, mit Krebspatienten im Endstadium und erkannte urplötzlich, auf welche Weise es gelingen kann, Schmerzen seelisch und geistig so zu transformieren, dass der Augenblick, in dem man noch lebt, Gewinn ermöglicht. Es hängt mit dem Atmen zusammen. Man muss es verlangsamen, dehnen – und man muss seine Gedanken kontrollieren.

Vor zwanzig Jahren habe ich dann in der Akademie für Ganzheitsmedizin, in der ich selbst als Dozentin unterrichtete, Pranaheilen gelernt und eine zusätzliche Technik kennen gelernt und mit meinem psychotherapeutischen Wissen erweitert, und diese meine Methode brauchte ich dann vor zehn Jahren, als ich einen schweren Autounfall hatte, nicht aus meinem am Dach liegenden Auto aussteigen konnte (die Türen waren blockiert) und die Rauchentwicklung der aufgegangenen Airbags als Brennen interpretiert (zu der Zeit, als ich meinen Führerschein machte, gab es noch keine Airbags, daher auch keine Informationen dazu). Ich habe mich also autosuggestiv aufs Sterben vorbereitet – und das war auch einer der Gründe, weshalb ich ein Semester später begann, Theologie zu studieren. Evangelische. Ich wollte verstehen, was ich auf dem Feld kurz nach Bockfließ erlebt hatte. (Ich habe das in meinem Buch „Als Pfarrerlehrling in Mistelbach“ beschrieben.) Im Theologiestudium haben wir dann erfahren, dass sich die Menschen im Mittelalter mit der „ars moriendi“ – der Kunst des Sterbens – vertraut machten, um – in heutiger Sprachform – „kompetenter“ zu sein, wenn es auf die letzte Reise ging. Ob der Reiseführer dann auch wirklich dazu verholfen hat, weiß ich nicht, zumindest sind mir keine „Reiseberichte“ bekannt […]

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